30 Tage ohne Auto in Berlin.
Das Experiment


Das Experiment zu unserer

Aufführung am 8. August zur autofreien Stadt
Ein:e Berliner:in verzicht für 30 Tage darauf, das eigene Auto zu benutzen und sich mit anderen Nahverkehrsmitteln oder zu Fuß im Alltag zu bewegen. Auf dieser Webseite können sie den Erfahrungsbericht lesen. Wir erhoffen uns für unsere Aufführung realitätsnahe Berichte, wie eine autofreie Stadt funktionieren kann oder muss.

6. Kann man ohne Auto leben?
Die Antwort ist ja. und die Großtante meiner Lebensgefährtin macht es vor. 99 und immer noch kein Führerschein. Geboren und gelebt in Berlin, hat sie viel Zeit in der Stadt verbracht und ist ab und zu mal auf Entdeckungstour gefahren. Die Frau ist quicklebendig. Flott auf ihren Beinen, braucht aber eine Gehhilfe. Sie ist freundlich, und wenn sie lacht, höre ich ein süßes lachendes Kind. Sie hat noch nie an einem Steuer gesessen und wüßte nichts damit anzufangen. Sie hat fast ein Jahrhundert lang ihr Leben zu Fuß oder per Rad gelebt. Ich frage mich, ob sie deswegen so topfit wirkt. Nur sagt sie die Sachen haben sich gewendet. Die Welt da draußen sei ihr viel zu schnell und hektisch geworden. So dass sie seit einigen Jahren nur noch selten das Haus verlässt. Der Weg von ihrer Wohnung bis zum nächsten Supermarkt führt sie über die viel befahrene Ostseestraße. „Es ist alles so laut und rasant, die Ampelschaltungen sind sehr kurz, wenn man mit dem Rollator eine drei- bis vierspurige Straße überqueren will“. Die Fahrräder fahren auf dem Bürgersteig, weil sie auf der Straße sonst angehupt werden würden, und sie würde entlang der großen Straßen so schlecht Luft bekommen. Nächsten Januar wird sie 100 Jahre alt sein. Und seit einigen Jahren sieht sie nur noch ihre eigene vier Wände, weil sie sich dort in Sicherheit fühlt. Ich will hiermit nicht auf die Tränendrüse drücken. Ich will nur einem Menschen, der wahrscheinlich keine große Reichweite hat, eine Stimme geben. Auch wenn meine Reichweite nicht viel größer ist, hoffe ich, dass es Menschen zum Nachdenken verhilft. Wir sind als Individuen so aufs persönliche Wohlbefinden fokussiert, dass wir vollkommen vergessen, was unser Handeln für einen Impakt hat. Oder wir agieren so egoistisch, dass wir einfach bei negativen Folgen wegschauen. Sei es die Naturvölker im Amazonas, die ihre Wälder verlieren wegen Soja-Plantagen zur Viehzucht, oder die ganzen Dörfer, die der Kohle weichen müssen wegen unserer Energie-Gier, oder die Oma, die im Norden Berlins ihre Wohnung nicht mehr verlassen will, weil die großen Autos und Transporter da draußen ihr Angst einjagen. Ich fang’ langsam an wunde Füße vom ganzen Laufen zu bekommen. Ich mach’ morgen das Fahrrad flott.



5. Kaffe mit Sahne
Ich wollte mich heute zum Kaffe auf einer Terrasse setzten. Zwar an der Straße.... aber ich wollte dem Leben auf der Straße zugucken. Gerade lass’ ich mich in den stylischen Sitz an der Bordsteinkante fallen, plötzlich erlischt der Vogelgesang. Ein großes Etwas verdunkelt das Sonnenlicht und das Gejaule eines Monsters erschreckt mich aus dem toten Winkel. Er brettert mir im Rückwärtsgang auf die Welt zu. So’n Riesenblechkonstrukt. Es erinnert mich an einen Eierkarton. Also… einen Eierkarton auf Steroiden, mit 22’’ Alufelgen und einem unfassbaren Gebrülle. Dem Schriftzug in chrome, auf Hochglanz poliert, entnehme ich, dass es sich um ein AMG V8 handelt. Ein kleiner Mann klettert aus der Fahrer*innenkabine raus. Springt vom Trittbrett wie vom Dreier im Schwimmbad. Er schließt den Wagen per Knopfdruck, dieser hupt nett zurück und klappt die ohrenartigen Seitenspiegel zu. Schon recht groß so ein Ding, wenn’s nur so rumsteht. Und diese Felgen, direkt zerkratzt beim ersten Mal durchs Gelände Fahren. Dafür kauft man sich doch so ein Ding, oder? Ich hab gehört, dass Autos 95 Prozent der Zeit nur stehen. Im Weg stehen. Was Mensch wohl machen könnte, wenn dieser Platz nicht mit Chrome zugepackt wäre. Ich ging rein zum Bezahlen und sah durchs Fenster eine junge Frau sich an den Tisch neben dem Ungetüm setzen. Ganz klein wirkte sie in dessen Schatten. Beim Weggehen verpasste ich nur knapp den Anblick eines riesigen Vogelkacke-Haufens, der sich frisch über die Windschutzscheibe verteilte. Womöglich kommt dieses Ding der Natur sonst nicht so nah.

4. Wenn du im Stau stehst, bist du der Stau
Die Zeit im Stau zu verbringen ist wohl das Unsinnigste, was es gibt. War für mich schon immer so. Stopp, rollen, stopp, rollen, anfahren, stop, stehen. Am allerschlimmsten fand ich den Weg nach Hause. Morgens zur Schule war okay, Stau war immer eine gute Ausrede sich zu verspäten, aber auf dem Weg nach Hause ist es das schlimmste. Wir stehen alle da, wollen in die gleiche Richtung und hindern uns gegenseitig daran. Werden aggressiv, weil wir denken, dass unsere Zeit wichtiger ist als die von denen da vorne oder denen da hinten. Und wenn es dann auch noch schneit und rutscht - gute Nacht. Ich hab heute die Öffis genommen. Was ich dabei allerdings nicht bedacht hatte ist, dass der Bus auch im Stau steht. Obwohl es mit dem Busweg, wenn nicht von Lieferant*innen beparkt, auch gut voran geht. Es ist ja nicht so, als ob ich vorher nie den Bus genommen hätte, aber durch das Experiment mache ich es gefühlt aufmerksamer. Öffis sind angenehm, weil man sich um nicht viel kümmern muss. Nur ums Ticket. Ist natürlich nicht so schick. Das Auto hat doch sehr viel Bequemlichkeiten. Ist schon schön im warmen Wagen zu cruisen ohne nass zu werden und dabei laut mit der Musik zu singen. Aber dafür die Hälfte der Zeit im Stau zu stehen, um von weitem auf Grün zu warten, ist es echt nicht mehr wehrt. Auf dem Rückweg bin ich in meiner Lieblingsbuchhandlung «Zabriskie» in der Reichenberger Straße 150 über das Buch «Einfälle Statt Abfälle - Rad Kaputt» von Christian Kuhtz gestolpert. Mal sehen, wo das hinführt.



3.Beim Laufen kommen die besten Erkenntnisse
Ich bin vor ein paar Jahren viel gewandert, allerdings weit weg von der Zivilisation und befahrenen Straßen. Als ich nach Berlin gezogen bin, hat sich das ziemlich gelegt, weil die U-Bahn doch praktisch ist. Oder weil einem in der Großstadt die Zeit fehlt? Was ich jedoch vergessen hatte war, dass einem beim Laufen die besten Einfälle kommen. Durch die Eindrücke, Begegnungen und Impressionen weitet sich unser Blick. Durch das stille Hinnehmen der Geschehnisse kann man Vieles in neuem Licht betrachten. Ich hatte heute fünf Kilometer von mir entfernt einen Termin. Meiner Karte zufolge genau fünf Kilometer. Ich mag runde Zahlen und dachte, es sei ein angenehmer Spaziergang. Schon beim Eingangstor des Gebäudes hätte eine Radfahrerin mir fast die Tasse Kaffee aus der Hand geschlagen, wenn ich es nicht hätte kommen sehen. Sie hat sich aber nett entschuldigt. Die Hermannstraße entlang, am Feld vorbei durch die Hasenheide. Sonniger Sommermorgen. Ich beobachte, wie sich mein Blick auf meine Umwelt verändert. In den letzten Tagen bin ich öfters darauf aufmerksam geworden, dass das, was ich kenne und seit Ewigkeiten als normal wahrgenommen habe, es eigentlich gar nicht ist. Ich fange an viel mehr auf Details zu achten. So sind mir heute beim Laufen einige Sachen klargeworden: 1. Dass wir mit „Vorsprung durch Technik“ eigentlich nur viel Stress an der Ampel und verdorbene Luft erreicht haben. 2. Es ist schon unfair, wie viel Platz den Autos in der Stadt zusteht, während Passant*innen und Fahrräder sich die zehn Zentimeter Bordstein teilen - so dass es immer wieder zu Zusammenstößen wie dem mit der Fahrradfahrerin heute Morgen kommt. 3. Seitdem ich eingezogen bin, steht bei mir im Innenhof ein grünes Fahrrad mit plattem Reifen. Ein alter Drahtesel mit kaputter Lampe, nicht abgeschlossen und verwahrlost. Wenn es heute Abend noch da steht, mach ich es wieder fit fürs Experiment. Ich bin gefühlt entspannter durch meinen Tag gekommen. Hat zwar alles bissle länger gedauert, aber wenigstens habe ich meine Zeit nicht im Berufsverkehr vergeudet.



2.Mit dem Tag durch die Öffis’
Ich muss ehrlich gestehen, ich benutze mein Auto in der letzten Zeit wenig. Am Wochenende um raus zu fahren oder wenn ich wirklich zu faul bin. Die Motivation für dieses Experiment liegt darin, Neues zu lernen, meine „automotive“ Umgebung genau unter die Lupe zu nehmen und meine Erfahrungen und Entdeckungen zu teilen. Objektiv. Neutral. Heute wäre ich zum Beispiel mit dem Auto gefahren. Ich musste für ein Kennlerngespräch und eine Projektvorstellung nach Bernau bei Berlin. Ich wusste, es würde ein anstrengender und langer Tag werden. Laptoptasche und Tee in der Thermo gepackt ging ich gegen sieben Uhr los. Mit einem „Die nächste U-Bahn Richtung Ostkreuz fällt wegen technischer Störung leider aus“ begrüßte mich die BVG und kurze Zeit später setzte die DB einen drauf mit „der Zug nach Bernau fällt wegen einer Baustelle aus. Bitte nehmen Sie stattdessen die S-Bahn“. Als ich auf die verspätete S-Bahn wartete, ging mir die Frage durch den Kopf, ob die Baustelle zum Aufheben einer technischen Störung dient. Der Zug war natürlich proppenvoll, so wie es sich bei Corona gehört, und ich musste stehen. Ich hatte Glück, dass zwei Stationen später ein Platz frei wurde, pünktlich zum: „Liebe Fahrgäste, wegen eines polizeilichen Einsatzes am nächsten Bahnhof müssen wir…“ Ich verkniff mir den Gedanken: „Vielleicht hat man die vorherige Bahn beim Rasen erwischt?“ Der Tag nahm ein abrupten Twist, als ich bemerkte, dass ich meinen Laptop zuhause liegen gelassen hatte und ohne Nix nicht bei dem Gespräch aufkreuzen konnte. Besonders nicht mit 50 Minuten Verspätung. Wenigstens war die Bahn auf dem Weg zurück gnädig mit mir und ich erwischte jede Verbindung.

1.Beginn
Heute ist mein erster Tag des Experiments “30 Tage autofrei in Berlin”. Man hat mir nicht sehr viel dazu gesagt, was genau ich genau dokumentieren soll, vielleicht ist es an mir es herauszufinden.

Zur Person


Mein Name ist Fuks. Ich habe mit 18 Jahren meinen Führerschein fürs Auto gemacht und habe gute 5 Jahre sehr intensiv meine neu gewonnene “Freiheit” genossen - ausgelebt, savouré, cherished - wie man es ausdrückt ist jeder Person selbst überlassen. Ich bin viele verschiedene Autos gefahren. Wenn ich meine großen Reisen und das alltägliche Fahren zusammen rechne, sind das bestimmt über 1.000.000km gewesen. Alleine, mit Geliebten, Freunden, mit Tränen, Spaß, mit Hass oder mit Entspanntheit bin ich von A nach B, manchmal nach D aber nie ohne C zu verpassen. Das Auto hat mir Flügel gegeben und mich von zu Hause befreit. Da wo ich nicht sein wollte konnte ich im Wagen bleiben. Mir einen Raum schaffen, nach Innen sowie nach Außen - denn wollen wir nicht vergessen, dass das Auto doch immer schon das Statussymbol schlechthin war. Besonders in verschiedenen Kreisen. Ich habe mich jahrelang von dem Komfort der PS-Leistung, der Sitzheizung und dem Adrenalin-Push auf der Autobahn verführen lassen. Die Bässe und Schlaglöcher verschlungen. Habe viele erste Male im Wagen erlebt- vom Platten bis zum Riss. Habe unzählige Stunden im morgentlichen Berufsstau auf der A1 Richtung Stadtzentrum und bei Sonnenuntergängen mit gutem Beat und Zigarette verbracht. Das Auto half mir mich meiner Realität zu entziehen. Einer Realität, die ich vielleicht doch hätte ernst nehmen müssen.